„Kukolka“ – Lana Lux

Lana Lux KukolkaSamira war stets auf der Suche – auf der Suche nach einem Heim und einer Familie. In den 7 Jahren im Kinderheim in der Ukraine konnte sie weder das eine noch das andere finden. Daher beschloss sie, diese beiden Dinge an einem anderen Ort zu suchen. Weit ist sie nicht gekommen. Rocky, verlockende Versprechungen auf den Lippen und das nötige Verständnis in seinen Worten, führt sie in ein anderes Leben. Der vermeintliche Engel ist jedoch keiner. Er ist mehr ein Sklaventreiber, der gefallene Existenzen um sich schart, damit sie für ihn betteln gehen. Und das ist der bestmögliche Fall. Aufregend emfpindet Samira ihr neues Leben. Nur leider ist es so weit entfernt von behütet, wie man kaum in der Lage ist, es sich vorzustellen.

Samira, die Hauptfigur in diesem Roman, aus deren Sicht alle Geschehnisse geschildert sind, kennt in ihrem kurzen siebenjährigem Leben nichts anderes als das Kinderheim, in dem sie bis dahin aufgewachsen ist. Die geschilderten Zustände in diesem überschritten für mich bereits die Grenze des Erträglichen. Kinder, die zu Zucht und Ordnung angetrieben werden, deren Leben durchreglementiert ist bis hin zu der Körperseite, auf der sie schlafen müssen. Verstöße werden geahndet und das nicht gerade zimperlich. Das Übernachten im Badezimmer und das Abduschen mit einem kalten Wasserstrahl zur Strafe werden als legitime Maßnahmen angesehen. Ohne Rücksicht auf Kinderseelen und die Würde der Kleinsten, ist keines der Kinder dort ein Individuum mit Gefühlen und Bedürfnissen. Was die Erzieherinnen sagen ist Gesetz. Mitgefühl sucht man dort vergeblich. Der einzige Lichtblick ist ein Samstag im Monat, an dem jedes Kind hofft, Adoptiveltern zu finden, die es dort herausholen, in eine richtige Familie. Nur wenigen ist dieses Glück beschieden. Kein Wunder also, dass Samira diesen Zuständen entfliehen will. Als kleine Schönheit mit dunklen Haaren und hellen Augen allerdings mit zu dunkler Hautfarbe wird sie mit allen Vorurteilen abgestempelt und behandelt, die Menschen entgegengebracht werden, die man als Zigeuner bezeichnet. Sie kann fliehen von einem unmenschlichen Ort und findet vermeintlich ein besseres Leben. Rocky, der sie Kukolka – Püppchen nennt, bring sie in ein Haus, in dem bereits andere Jugendliche wohnen und die sich ihren bzw. Rockys Lebensunterhalt mit betteln und Taschendiebstahl finanzieren. Hier lernt sie andere und ältere Mädchen kennen, die ihr etwas beibringen und dafür ist sie dankbar.

Ich war noch nie jemandem so wichtig gewesen, dass er mir was beibringen wollte. (S. 42)

Sie hat das Gefühl, in einer Gemeinschaft aufgenommen und angekommen zu sein. Allerdings ohne Blick für die Gefahren und Widerwärtigkeiten, die ihr dort drohen. Woher sollte sie dieses Gespür auch haben? Jeder der dort Anwesenden birgt seine eigene schreckliche Geschichte im Herzen, die so schonungslos und mitleidlos erzählt werden, dass ich das Bedürfnis hatte, jeden einzelnen in den Arm nehmen zu wollen und zu trösten und zu versichern, dass es Besseres im Leben gibt, dass auf sie wartet. Dass das Leben nicht so kalt ist, wie sie es kennen gelernt haben, wenn sie doch nur den richtigen Menschen aus den richtigen Gründen wichtig sind, die nichts fordern, sondern Freude am Geben haben.

Mein Job war es, zu überleben. (S. 186)

Man ahnt wohl bereits, dass das Leben bei Rocky nicht die letzte Station in ihrem Leben ist. Es kommen noch andere. Und jede auf ihre Art noch schrecklicher als die vorherige. Man braucht als Leser also schon ein gewisses dickes Fell, um sich mit Samira durchs Leben zu kämpfen. Samira, deren Grundanlage gut und lieb ist, hätte einen anderen Start ins Leben und eine andere Begleitung durch dieses verdient. Die Verkettung unterschiedlicher Umstände hat für sie jedoch einen anderen Weg vorgesehen und es ist erstaunlich, wie viel ein Mensch aushalten kann, selbst wenn er zum Ding degradiert wird. Samira zeichnet sich durch einen unbändigen Lebenswillen und immer genügend Hoffnung aus. Es ist bewundernswert, woher sie beides nimmt.

Lana Lux ist mit diesem Debütroman etwas ganz besonderes gelungen. Es ist kein einfach zu verdauendes Buch. Wie könnte es auch, ob der Schwere der unterschiedlichen Themen, die es vereint. Tatsächlich gehört es zu den Büchern, an denen ich zu knabbern habe. Es gehört zu der Kategorie Bücher, in denen man Figuren begegnet, die sind so echt und und ihr Schicksal so unfassbar traurig, dass sie einen nicht mehr loslassen. Mehrere Szenen haben mich tief berührt, die Geschichte war derart intensiv, dass ich mehrfach Pausen einlegen musste, um mich für das Kommende zu wappnen, auch wenn es mir unter den Nägeln brannte, unbedingt erfahren zu müssen, wie die Geschichte weitergeht. Aber ich brauchte die Zeit, um zu verarbeiten und auch um zu trauern und um meinen Kopf die Gelegenheit zu geben, im immer und immer wieder „Erleben“ diverser Schlüsselszenen, diesen den notwendigen Platz einzuräumen.

Lana Lux gelingt es, mit ihrer Erzählweise, Samira im Aufwachsen zu begleiten und die kleine, ihr bekannte Welt durch die Augen eines Kindes zu schildern. Das kindlich Naive steht oft im krassen Gegensatz zum Geschilderten und berührte mich umso stärker. Auch wenn Samiras Entwicklung eindeutig zu sehen ist,  erschien sie mir oft älter, als sie tatsächlich war. Die Masse an Erfahrungen war erdrückend.

Ich habe überlegt, ob ich diesem Buch tatsächlich fünf Sterne vergeben möchte oder ob es „nur“ vier werden. Nicht, weil der Stil kleinere Makel aufweist, ganz im Gegenteil, dieser ist perfekt durchs ganze Buch hinweg. Sondern, weil ich so viel Leid eigentlich nicht ertragen kann und es einfach an der ein oder anderen Stelle für mich zu viel war. Allerdings kann ich die eigene Befindlichkeit nicht als Bewertungsmaßstab heranziehen. Und gerade weil es mich so berührt hat, ist es definitiv der 5 Sterne wert. Lana Lux hat mit diesem Debüt Maßstäbe gesetzt und macht neugierig auf Weiteres aus ihrer Feder. Für dieses Buch muss man gewappnet sein. Also wappne dich und lies es!

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

1 Comment

  1. Ohja, ich überlege schon lange, ob ich dieses Buch lesen mag. Wie du schon schreibst, man braucht ein dickes Fell, ich weiß nicht, ob ich das wirklich habe!
    Seit es meine Kinder gibt, tu ich mich auch noch doppelt so schwer, diese Art von Büchern zu lesen.
    Aber eine tolle Rezension, die mir schon zeigt, ich sollte das Buch unbedingt lesen!

    Liebe Grüße Anett.

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