„Lucian“ – Isabel Abedi

Rebecca ist ein ganz normaler Teenager, mit normalen und tollen Freunden, mit – vielleicht – einer leicht verrückten Familie und normalen Problemen. Die Beziehung mit ihrem Freund war weder das, was sie sich noch was er, Sebastian, sich erhofft hat. Aber das gehört alles zum Erwachsenwerden dazu. Als nicht ganz so normal erscheint jedoch, dass ein wildfremder Junge, plötzlich ihre Aufmerksamkeit erregt und sie seine. So viele Fragen für die beiden auch unbeantwortet sind, scheint eines klar zu sein. Irgendetwas verbindet sie – nur was?

Rebecca ist ein Mädchen, das trotz getrennt lebender Eltern ein durch und durch glückliches Leben führt. Sie wird geliebt. Von ihrer Mutter gleichermaßen wie von ihrem in den USA lebenden Vater. Trotz der räumlichen und kontinenteübergreifenden Distanz zu diesem, verbindet beide eine ganz besondere Beziehung.
Die Freundschaft zu Suse, ihrer besten Freundin, verleiht Rebeccas Leben eine erfrischende und witzige Note. Wenn auch nicht alles perfekt ist und auf den ersten Blick alles recht unspektakulär erscheint, so ist der Alltag doch unvollendet schön genug, um, dank Abedis Erzählstil für kurzweilige Unterhaltung zu sorgen. Für die interessante und mysteriöse Komponente sorgt das Auftauchen eines  geheimnisvollen Jungen namens Lucian. Immer wieder begegnen sie einander ohne sich zu suchen. Die Anziehung zwischen den beiden ist groß. Kann sie so groß sein, dass man meint, sich zu kennen, obwohl man sich noch nie begegnet ist? Unerklärlich für die beiden ist, warum Lucian Details aus Rebeccas Vergangenheit kennt, obwohl er diese nicht wissen kann. Da sich Lucian weder daran erinnern kann, woher er kommt noch was er gemacht hat, bevor er Rebecca traf, scheint die Klärung der vielen Fragen unmöglich. Ist Lucian eventuell gefährlich? Setzt sich Rebecca einer Gefahr aus?

 Lucians unbekannte Vergangenheit und die gegenseitige Anziehung der beiden ist für die Handlung eine wichtige Komponente, wenn auch die gemeinsamen Szenen nicht den Großteil dieses Buches ausmachen. Abedi gelingt es, Rebecca als eigenständige und unabhängige Person darzustellen, die auch ohne Lucian „funktioniert“. Sie ist eine starke Person mit starkem Rückhalt, ob durch Familie oder Freunde. Sie ist ganz und gar unabhängig – soweit man das als Teenager sein kann – mit eigener Meinung und eigenem Willen. Alle Protagonisten sind für sich gesehen Persönlichkeiten, die warm und echt wirken. Denen man so vielleicht schon einmal begegnet sein könnte, die nicht gekünstelt wirken.

Einzig Lucian fällt hier etwas aus der Rolle. Der dunkle Schleier um seine Vergangenheit lässt ihn manchmal als eine Art Phantom erscheinen, ein großes Fragezeichen, die unbekannte Komponente, die plötzlich großen Einfluss auf Rebeccas Leben nimmt ohne übermäßig aktiv zu sein. Es klingt paradox, doch gerade seine Abwesenheit und sein eher sporadisches Auftauchen sorgten dafür, dass Rebeccas Welt in Herzensdingen aus den Fugen gerät und die Spannung während des Lesens lange Zeit gehalten werden konnte. Szenen, in denen sie sich begegneten, die sie einander näher brachten und dann wieder voneinander mit neuen Fragen wegtrugen, mochte ich sehr. Dagegen mochte ich nicht, wenn offensichtliche Fragen, die gestellt werden mussten, nicht gestellt wurden. Auch entwickelte sich manche Situation in eine ärgerliche oder wütende Richtung, in der Wut oder Ärger für mein Empfinden nicht angebracht oder erforderlich waren.

Erzählen Sie mir Ihre Geschichte. (S. 423)

Obwohl das Buch „Lucian“ nach einem essenziellem Charakter benannt ist, sollte man keinesfalls denken, dass dies die einzige Geschichte ist, die hier gefunden wird. Natürlich ist dies der Haupthandlungsstrang, allerdings gibt es beim genaueren Hinsehen noch anderes zu entdecken, das nicht weniger interessant ist, auch wenn es weniger Raum einnimmt. Keinesfalls ist „Lucian“ nur eine Liebesgeschichte. Das Lesen dieses Buches erfordert einiges an Fantasie und Vorstellungsvermögen. Wer dieses mitbringt, wird mit lohnenden Lesestunden belohnt und ein Ende vorfinden, über das man einige Zeit noch nachdenken mag. Mein erstes Jugendbuch von Isabel Abedi hat mich jedenfalls nicht enttäuscht und das man über weite Strecken nicht aus der Hand legen mag.

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

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