„Projekt Orphan“ – Gregg Hurwitz

Evan Smoak, eine tödliche Waffe in Menschengestalt, wird von seinen Feinden gefürchtet. Für diejenigen, die keinen anderen Ausweg mehr haben, ist er vielleicht die letzte Chance, um zu überleben. Keiner kennt seinen Namen. Er ist der Nowhere Man. Für ihn gibt es nur den Zustand, einen Auftrag zu haben oder auf einen zu warten. Seine aktuelle Aufgabe, ein junges Mädchen vor einem widerwärtigen und skrupellosen Mädchenhändlerring zu bewahren, gehört für ihn eher zu den leichteren Übungen. Leichtsinnigkeit kann er sich nicht leisten. Doch dieses Mal läuft etwas schief. Evan findet sich plötzlich in den Fängen eines Verbrechers wieder, aus denen es kein leichtes Entrinnen gibt. Kann Evan einen Ausweg finden oder ist er schon längst in einer Sackgasse? Die Zeit läuft, denn ein neuer Auftrag wartet schon.

„Projekt Orphan“ ist der zweite Teil (man sollte den ersten Teil unbedingt vorher gelesen haben) um den in einem geheimen Regierungsprogramm ausgebildeten Killer Evan Smoak, der sich trotz der Schwere seiner ursprünglichen Aufgabe, Auftragsmorde ohne Nachfrage zu begehen, seine Menschlichkeit bewahrt hat. Er ist ein Aussteiger, der dieses Leben nicht mehr führen wollte. Stattdessen führt er es nun im Namen der Gerechtigkeit. Eine Art Robin Hood für Arme, nur anders und gefährlicher. Man könnte es kurz mit den Worten formulieren: bei Anruf – Mord! Er ermordet die Bösewichter, deren Abgründe Tiefen erreichen, die man sich nicht im Entferntesten ausmalen kann oder will. Anna Reznian gerät ins Visier dieser Unmenschen. Sie ist hübsch, ihre Familie ist arm und mit ihren 15 Jahren passt sie genau in das Beuteschema eines der Auftraggeber eines Mädchenhändlerrings. Sie ist auf einen gut aussehenden Jungen hereingefallen, der sich nicht als Segen, sondern als Fluch entpuppt. Sie weiß, dass diese Sache, in die sie geraten ist, nicht gut ausgehen kann, dass sie ihre Leichtsinnigkeit vielleicht mit dem Leben bezahlt. Der Nowhere Man ist ihr letzter Strohhalm. Natürlich erfüllt Evan seinen Auftrag. Anna hat nichts mehr zu befürchten. Da Evan sein Wirken strikten Regeln unterwirft, muss er gründlich sein. Doch dieses Mal hat er sich vielleicht übernommen. Das zehnte Gebot lautet:

Lasse niemals einen Unschuldigen sterben.

So kommt es, dass Evan natürlich noch viel gründlicher aufräumen möchte. Denn Anna ist nicht die einzige Unschuldige, die es zu retten galt. Während seiner Nachforschungen gerät er jedoch selbst in die Klauen eines der Verbrecher, die er so vehement versucht auszulöschen. Möglicherweise hat er dieses Mal seinen Meister gefunden.

Gregg Hurwitz hat, wie bereits bei „Orphan X“ einen schnellen Erzählstil, der schnell zum Punkt kommt. Die Handlung tritt dadurch kaum auf der Stelle. Trotzdem lässt mich dieses Buch etwas zwiegespalten zurück. Wird Evan Smoak alt oder sentimental? Das fragte ich mich doch recht häufig. Zwar verfügt er noch immer über schnelle Kombinations- und Beobachtungsgabe, doch ließ seine Performance stark nach. Eindeutig hatte er mit unterschiedlichen Geistern der Vergangenheit zu kämpfen, allen voran mit dem Verlust seines Mentors Jack.  Evan konzentrierte sich zwar durchaus auf das Wesentliche, doch er machte Fehler. Natürlich ist Evan kein fehlerloser Superheld, kein unfehlbarer Übermensch. In diesem Band wurde eindeutig seine verletzliche Seite thematisiert. Auch erhöhen Schwierigkeitsgrade die Spannung. Wie langweilig wäre es, wenn alles gleich auf Anhieb gelingen würde. Was mich an der Sache störte, war eher, dass eine noch ausweglosere Situation scheinbar erfolgreicher zu händeln war. Die Verhältnismäßigkeit ging mir hier eindeutig verloren.

Was das Thema der bösen Buben anbelangt, so bin ich auch hier leider nicht ganz zufrieden. Besagter Bösewicht gefiel sich in der Rolle eines Dorian Gray mit Hang zum schwatzhaften. Auch wollte er sich als vermeintlicher Gönner präsentieren, was so ganz im Widerspruch zu seiner tatsächlichen Intention stand. Es wurden zu viele Klischees bedient, die eher zu einem schlechten Actionfilm passen, als zu diesem Buch, von dem ich mir mehr erwartet hätte.

Auch in „Projekt Orphan“ erhält man durch diverse Rückblenden spannende Einblicke in Evans Vergangenheit. So manchen Dialog sollte man nicht mit zu viel Ernst betrachten, wodurch sich immer mal wieder ein spritziges, schlagfertiges und bisweilen witziges Wortgefecht entspann. Als zusätzlichen Gegenspieler tauchen noch weitere ehemalige Orphans auf, deren Aufgabe darin besteht, Evan aufzuspüren. Das auch diese nichts Gutes im Schilde führen, wird schnell klar. Die Kälte und Gefühllosigkeit, die ihr Agieren auszeichnet, steht im Gegensatz zu Evans Motiven. Die Unterschiede zwischen ihnen und Evan konnte mir Hurwitz jedenfalls nahe bringen.

„Projekt Orphan“ zeigt, dass auch ein Killer keine Maschine ist. Die Schwächen von Evan herauszuarbeiten war gut gedacht, doch in der Umsetzung insgesamt weniger zufriedenstellend. Dieser Thriller ist keinesfalls für zart besaitete Leser geeignet. Auf blutige Brutalität sollte man gefasst sein. Ist der Killer in Evan erst einmal entfesselt, dann geht es wenig zimperlich zu. Das Ende weist darauf hin, dass wohl mindestens noch ein 3. Band zu erwarten ist. Trotz der nicht unerheblichen Schwächen des 2. möchte ich doch wissen, wie es mit dem Nowhere Man weitergeht. Ich halte die Augen nach einer weiteren Fortsetzung offen.

Ich danke NetGalley und HarperCollins für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares.

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐

2 Comments

  1. Hallo Auroria
    Was sehen meine müden Augen hier? Ich habe ja komplett verpasst, dass der zweite Teil veröffentlicht wurde! Ich war ja vom ersten Teil total begeistert und muss jetzt natürlich direkt mal gucken, wo ich das Buch jetzt herkriege 😀 Super!
    Nach dem lesen Deiner Rezension bin ich umso gespannter drauf, auch wenn ein paar Schwachstellen enthalten sein könnten. Mal sehen, wie ich das empfinde. Danke für Deine Gedanken.
    LG Tabea von Buchbunt

    1. Es gibt ja durchaus auch viele positivere Stimmen zu diesem Buch. Vielleicht bist du auch nicht meiner Meinung. 🙂
      Für mich kam es eben einfach nicht an den ersten Band heran. Es hat mich nicht so umgehauen, wie der erste Teil. An diesen als Maßstab heranzukommen, ist sicherlich auch nicht einfach. Ich wünsche dir jedenfalls viel Spaß mit „Projekt Orphan“!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.