„Smoke“ – Dan Vyleta

Smoke - Dan VyletaWie würde die Welt aussehen, wenn Sünde, ob durch Taten oder durch Gedanken, sichtbar wird in Form von Rauch? Für die Freunde Thomas und Charlie stellt sich diese Frage nicht, denn sie leben in solch einer Welt Ende des 19. Jahrhunderts. Der Rauch umgibt sie, wird durch Menschen produziert. Daher lautet die eigentliche Frage: Wie würde die Welt ohne Rauch aussehen und kann es eine solche überhaupt geben?

Eine interessante Gesellschaft hat Dan Vyleta in seinem Buch „Smoke“ erschaffen. Im Grunde genommen unterscheidet sie sich nicht groß von unserer im 19. Jahrhundert. Es gibt Menschen, die einer ehrenwerten Arbeit nachgehen, Bettler, Hochwohlgeborene, Kriminelle. Alle Schichten sind vertreten von gebildet bis ungebildet. Ergänzt wird diese Mischung nur durch den Rauch, das Stigma, das die Spanne von unreinen Gedanken bis zu kriminellen Taten abdeckt. Um die gesellschaftlichen Strukturen besser zu verstehen, begegnet der Leser den beiden Freunden Thomas und Charlie. Beide haben das Glück, in einem Internat aufzuwachsen, was nur wohlsituierten Kindern vorbehalten ist. Thomas ist der undurchsichtigere der beiden. Der interessante Typ, dem ein Hauch von Gefahr anhaftet, der sich und seine Gefühle nicht so gut im Griff hat, der impulsivere. Charlie dagegen scheint durch und durch Musterknabe zu sein. Kaum ein Rauchfähnchen entsteigt seinen Nüstern. Er ist gut, verständnisvoll, wohlerzogen und Thomas bester Freund.

An diesen beiden zeigt sich, dass, wer es sich leisten kann, seine Kinder in andere Hände gibt, damit diese erzogen werden und ihnen der Rauch weitestgehende abgewöhnt wird. Und hier zeigt sich in meinen Augen auch schon eine Schwäche des Buches. Denn Kinder werden in Sünde geboren, da sie bereits in Sünde gezeugt sind. Sie rauchen schon als Säuglinge. Die Elternliebe reicht hier leider nicht so weit, dass diese genug ist, um sich selbst um die kleinen Erdenbürger zu kümmern. Nein – wer über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, betraut eine Amme oder einen Diener damit, sich im übertragenen Sinn die Hände schmutzig zu machen. Vielleicht meiden die Eltern das Kind, da laut Vyleta Rauch immer wieder neuen Rauch erzeugt bzw. dieser wohl das Unterbewusstsein anderer anspricht und diese ebenfalls zu rauchen beginnen oder – im schlimmeren Fall – kriminelle Taten und Energie freisetzt. Eine Kettenreaktion also für alle, die nicht genügend Selbstbeherrschung besitzen, um zu widerstehen. Vielleicht meiden sie es auch „nur“ weil der Rauch so verabscheuungswürdig ist, dass sie es schlichtweg nicht ertragen können.

Thomas und Charlie jedenfalls beginnen sich für die bekannten und unbekannten Gesetze des Rauchs nach einem Schulausflug in den Sündenpfuhl London zu interessieren. Sie wollen den unbekannten Komponenten des Rauchs auf die Spur kommen. Sie beginnen Fragen zu stellen, auf die sie keine oder nur ungenügende Antworten erhalten und natürlich weckt dies ihre Neugier. Die Hartnäckigkeit und Vehemenz mit der sie vorgehen, bringt sie jedoch plötzlich in Gefahr und sie müssen um nichts weniger als ihr Leben fürchten.

Dafür hat der Rauch schon gesorgt, hat nach ihnen gerufen, sie angezogen als wären sie Himmelskörper, die an der Sonen vorbeifliegen. (S. 366)

Einen guten Zugang zu diesem Buch zu finden, fiel mir schwer. In erster Linie lag dies an Vyletas Erzählstil. Es wird aus der Ich-Perspektive unterschiedlicher Protagonisten und hin und wieder auch aus Perspektive eines allwissenden Erzählers berichtet. Die Wechsel waren mir für meinen Geschmack zu häufig und auf zu viele Personen verteilt. Hin und wieder erhielt ein flüchtiger Nebencharakter das Wort, der im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielte. Selbst auf die Hauptprotagonisten konnte ich mich nur ungenügend einlassen. Oftmals erschien mir alles als zu oberflächlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Figuren durch eine Art Schleier sehe – vielleicht Rauch? – der zu undurchdringlich war, als dass ich Charaktere gänzlich beurteilen und erfassen konnte. Gerade bei Thomas erwartete ich unter der Oberfläche eine größere Vielschichtigkeit, die leider nicht zu finden war oder immer wieder im Keim erstickte. Das Potenzial des Geheimnisvollen und Unverstandenen, das eindeutig in ihm schlummerte, blieb mir persönlich zu eindimensional, zu blass gezeichnet.

Auch fehlte mir ein Aha-Erlebnis bezüglich des Rauchs. Schnell war klar, dass schlechtes Verhalten Rauch erzeugt. Aber auch so mancher Gedanke oder Gefühle – ehrliche Begierde beispielsweise – führen dazu, dass Rauch sichtbar wird. Dies erscheint mir jedoch zu unrund. Impliziert es doch mehr oder weniger, dass Leidenschaft verbunden mit Liebe etwas Schlechtes ist. Behauptungen und aufgestellte Thesen waren für mich daher immer wieder unplausibel und nicht zu Ende gedacht. Ein vom Autor aufgestelltes zentrales Element in einem Buch, sollte jedoch dem Anspruch genügen, dass ich den herrschenden Gesetzen folgen kann, sie in sich schlüssig erscheinen, wenn ich sie auch nicht immer gutheißen muss. Das fehlte mir hier leider.

„Smoke“ begann recht vielversprechend, verlor sich dann aber durch zu viele Perspektivwechsel in einer gewissen erzählerischen Unruhe, in der immer wieder und viel zu lang nichts gravierend Aufregendes geschah. Das Buch hätte sicherlich auch das ein oder andere Kapitel weniger vertragen, um gewisse Längen zu vermeiden. Schade – mit der Grundidee wäre mehr drin gewesen. So bleibt für mich leider nur der Eindruck eines nicht ausreichend zu Ende gedachten Buches, das sich irgendwo im Rauch verliert.

Vielen Dank an die Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar.

Bewertung: ⭐ ⭐

2 Comments

  1. Puh, das klingt tatsächlich nach einem anstrengenden Leseerlebnis. Dabei hörte sich die Grundidee tatsächlich spannend an.
    Liebe Grüße
    Saskia

    1. Die Grundidee ist auch super. Aber die Umsetzung ist so naja. Wie ich kürzlich erfahren habe, soll es wohl eine Fortsetzung geben. Vielleicht wird dadurch dann einiges klarer. Aber wenn der 1. Band schon nicht überzeugen konnte, dann glaube ich nicht, dass ich den 2. lesen möchte. Da gab es zu viele Defizite in meinen Augen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.