„Der Report der Magd“ – Margaret Atwood

magdDesfred kann sich an andere Zeiten erinnern. An eine Zeit davor, an Zeiten, in denen Frauen Geld verdienten und das ganz selbstverständlich war. Zeiten, in denen sie sich den Mann, mit dem sie zusammensein wollten, selbst wählten, in denen sie ihr Leben selbst bestimmten und frei waren. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt gilt es, das Richtige zu tun, um zu leben, um zu überleben.

Wie lange dauert es wohl, eine Gesellschaft in ihren Grundfesten komplett zu verändern? Wie lange dauert es, dass die Anpassung des Einzelnen so komplett erfolgt, dass man nicht auffällt, dass man mit der Masse verschmilzt, zumindest oberflächlich? Wie stellt man es an, dadurch nicht verrückt zu werden? Das habe ich mich oft gefragt, während der Lektüre dieses Buches. Um es vorweg zu nehmen: Darauf gibt es keine konkrete Antwort. Es scheint aber schneller von statten zu gehen, als gedacht. Wenn nur die „richtigen“ Hebel angesetzt werden. Wenn unterschiedliche Bedrohungen aufeinandertreffen und die Angst schüren was in Zukunft sein wird. Und wenn diese Angst sich am Ende um die eigene Existenz dreht, die eigentlich schon nicht mehr Leben genannt werden kann.

All dies und so vieles mehr findet sich in „Der Report der Magd“. Die Protagonistin Desfred steht exemplarisch für all die Frauen, die ihrer Rechte beraubt wurden und  nimmt den Leser mit in die Welt von Gilead. Eine Welt der Klassen und Vorurteile. Desfred ist eine rote Magd. Eine Frau, hoffentlich fruchtbar und in gebährfähigem Alter, deren Zweck darin besteht, dem Erhalt der Bevölkerung zu dienen, die durch Kriege und Unfruchtbarkeit bedroht ist. Eigentlich gehört sie zur angeseheneren Klasse, insbesondere dann, wenn eine Magd ein Kind unter ihrem Herzen trägt. Gleichzeitig ist sie von anderen Frauen geächtet. Eindeutig nur Mittel zum Zweck, zu dem ein totalitäres Regime sie auserkoren hat. Scheinbar hätte sie wählen können, ob sie ihren Körper damit zu einem Ding macht. Doch tatsächlich hatte sie nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Die Welt von Gilead, in der sie und andere leben, scheint die Hölle auf Erden zu sein. Erdrückend und erniedrigend ist es dort. Alles ist bis ins kleinste Glied reglementiert. Selbst im privaten Bereich scheint es keine Individualität zu geben. Niemand zeigt sein wahres Ich. Maskerade und die Kunst der Verstellung beherrschen das Miteinander. Denn niemand kann sich gewiss sein, dass nicht ein Wächter, ein Auge ganz in der Nähe ist und jegliche Abweichung und Verfehlung verrät. Diejenigen, die das Spiel nicht gut genug spielten, sind verloren und werden öffentlich als warnendes Beispiel zur Schau gestellt. Die Angst geht um in Gilead.

Ich bin so allein. (S. 263)

Für Desfred muss das alles schier unerträglich sein. Sie kannte einst die Freiheit, hat eine Vergangenheit und ein anderes Leben gelebt. Margaret Atwoods Schreibstil ist so ergreifend, dass sowohl Unerträglichkeit als auch die Sinnlosigkeit der Existenz in Anbetracht der Entmenschlichung auf mich übersprangen. Erscheint Desfred im einen Moment erduldend oder funktioniert sie nur, so wurde ich im anderen Moment umso unvorbereiteter von den Einblicken in ihre verlorene Selbstbestimmtheit getroffen. Desfreds Rückblenden in ihr früheres Leben wirkten wie Fenster in die Vergangenheit, die sich plötzlich und unvorhergesehen öffneten. Oft ausgelöst durch scheinbar Banales. Die unterschiedlichen Bruchstücke fügten sich nach und nach zu einem Bild zusammen, das trotz der Unvollständigkeit so vieles von ihr preisgab, dass es ungeheuerlich schien, was man aus ihr und so vielen anderen gemacht hatte.

Manchmal treffen sie mich diese Blitze von Normalität von der Seite her, wie aus einem Hinterhalt. (S. 70)

Obwohl der Gegenstand dieses Buches nur schwer zu verdauen ist, blieb ich dran, verschlang eine um die andere Seite. Die Worte, die Atwood wählt, scheinen immer perfekt, treffen Stimmungen, ob traurig oder bedrohlich oder sehnsuchtsvoll mit Leichtigkeit. Nichts erscheint trivial. Weder die Normalität der Vergangenheit noch die Monotonie und Frömmigkeit der neuen Welt und sei sie nur aufgesetzt. Im Gegenteil, durch das Gegenspiel dieser beiden Gegensätze lernt man die einfachen Dinge selbst zu schätzen, die mit so viel Selbstverständlichkeit hingenommen werden. Eindringlich bauten sich Szenen in meinem Kopf auf, die mich auch jetzt  noch nicht loslassen. Die entstandenen Bilder ließen mich ein ums andere Mal mit Desfred mitleiden, mitfühlen, deren Flucht aus dieser Welt sich in ihrem Kopf abspielte. Die Trotz der Aussichtslosigkeit ihrer Situation die Hoffnung nicht verlieren wollte. Der innere Rückzug war die Geheimtür, die zur Flucht verhalf.

„Der Report der Magd“ ist eines der Bücher, die fesseln und nicht loslassen, die erschreckend sind und nicht leicht zu verdauen. Und trotz der Schwere des Themas gelingt es Margaret Atwood sowohl das eine – die jetzt so geächtete Lebensweise von früher – als auch das andere – eine sich hinter Glauben und Frömmigkeit versteckende grausame Regierung – als authentisch darzustellen. Nichts ist überzogen und unglaubwürdig. Es wurde eben „nur“ die eine Normalität durch eine andere ersetzt.

Selten war ich von einem Buch schockiert und begeistert zugleich. Widerstreitende Gefühle entwickelten einen wahren Lesesog und stimmen nachdenklich – noch immer. Dieses Buch gehört zu der Kategorie, die nicht enden sollen und wenn es dann doch so weit ist, wird man zurückgelassen mit den eigenen stillen Gedanken. Perfekter hätte es nicht enden können.

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

4 Comments

  1. Wir haben dieses Buch damals im Englisch Leistungskurs behandelt und ich weiß noch, wie verstörend und beängstigend ich die Geschichte fand. Gerade weil das Leben als so „normal“ dargestellt wird, erscheint es nicht so abwegig, dass in der Zukunft ähnliche Gesellschaften entstehen können.
    Ich finde „Der Report der Magd“ ist eines dieser Bücher, die man gelesen haben muss und ich bin gespannt auf die Serien Adaption, von der ich letztens einen Trailer gesehen habe. Kennst du den schon?
    Liebe Grüße
    Saskia

    1. Ich hatte ja auch Englisch als Leistungskurs. Leider haben wir dort dieses Buch nicht behandelt. Ich bin mir sicher, dass es mir damals schon gefallen hätte, auch oder gerade weil es viel Stoff zum Nachdenken liefert. Interessant ist auch, dass dieses Buch schon 1985 erschien und bereits damals diese Aktualität von Heute besitzt.
      Ich weiß, dass es eine Serie gibt und wohl auch einen Film. Gesehen habe ich beides noch nicht. Obwohl ich durch das Buch schon gut vorbereitet bin, fürchte ich mich jedoch etwas davor, dann alles noch mal in Bildern vor mir zu sehen. Ich werde das aber zu gegebener Zeit auf jeden Fall nachholen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.