„Bei den Wölfen“ – Sarah Hall

Sarah Hall - Bei den WölfenWölfe in England – das ist der Traum von Thomas Pennington. Als wohlhabender Lord mit den entsprechenden Ressourcen möchte er sich diesen Wünsch erfüllen. Niemand geringeres als Rachel Caine hat er dafür auserkoren. Eine Expertin auf dem Gebiet der Wölfe, deren Lebensinhalt die Wiederansiedlung dieser Tiere in einem Indianerreservat ist. Eigentlich sieht sie keinen Vorteil in Penningtons Anliegen und möchte dessen großzügiges Angebot ablehnen. Doch unvorhergesehene Änderungen ihrer Lebensumstände führen dazu, dass sie sich schließlich auf den Weg in ihre alte Heimat macht, in der so vieles sie an Zeiten erinnert, die längst vergangen sind und die dann so plötzlich wieder so nah erscheinen. Können alte Wunden heilen?

Ein interessantes Thema hat Sarah Hall für ihr Buch „Bei den Wölfen“ erwählt. Kontrovers diskutiert scheinen Wölfe die Meinungen stets in zwei Lager zu spalten. Fasziniert scheint der Mensch seit jeher von ihnen. Wölfe werden geliebt oder gehasst. Rachel Caine jedenfalls, eine angesehene Wolfsexpertin, liebt sie. Wölfe sind ihr Lebensinhalt. Sie liebt es, tage- und nächtelang ihren Routen zu folgen, sie aufzuspüren und in versteckter Stille zu beobachten. Die Begeisterung, die Rachel für diese Tiere empfindet, wird während des gesamten Buches sehr gut transportiert. Die kleinen Exkurse in die Welt der Wölfe habe ich sehr genossen. Sie waren durchweg interessant. Beschreibungen von der Natur dieser Tiere wirkten nie langweilig. Gern hätten diese einen noch viel größeren Teil im Buch einnehmen können. So, wie es der Titel eigentlich erwarten ließ. Leider wurden die Wölfe eher zur Nebensache in Anbetracht der Ausführungen zu Rachels Vergangenheit und ihren Eigenarten.

Natürlich ist es wichtig, Einblicke in allerlei Details aus Rachels Leben zu erhalten. Nur so kann eine Person angemessen gezeichnet werden. Eindeutig ist diese auch als eine Art einsame Wölfin zu bezeichnen, die in ihrer Arbeit aufgeht, deren Arbeit ihre Berufung ist. Professionell und sicher bewegt sie sich in diesem Terrain. Doch so klar, wie ich sie als Wolfsexpertin vor mir sah, so wenig greifbar war sie mir als Privatperson. Ich könnte sie als eigen bezeichnen, als wenig geschickt im sozialen Umgang, sowohl in Bezug auf Familie als auch in Bezug auf Dritte. Eine starke Frau mit Ecken und Kanten ist sie zweifelsohne. Trotzdem war ihr Charakter mir zu oberflächlich gezeichnet. Ich wurde nicht „warm“ mit ihr und vermisste die Wärme in ihr, die Verbindung, die ich zu ihr finden wollte. Distanziert und größtenteils emotionslos beobachtete ich ihren Weg. Ich fühlte mich von der Autorin leider nicht ausreichend mitgenommen.

Zudem fiel es mir schwer, mich auf Sarah Halls Schreibstil einzulassen. Mehr als 100 Seiten lang hatte ich oft das Gefühl, eine Aneinanderreihung von Beobachtungen, Umgebungsbeschreibungen, Erinnerungen und Gedanken zu lesen. Gemischt wurde das ganze mit politischen Ansichten verschiedener Protagonisten, politischen Entwicklungen und Rachels Einstellung zu körperlichen Bindungen und Bedürfnissen. Lange vermisste ich den richtigen Lesefluss. Die Erzählweise war mir schlicht zu kühl, zu distanziert.  Ich haderte lange mit diesem Buch. Es wurde zwar besser mit der Zeit, doch das Buch entpuppte sich leider trotzdem nicht als schöner Schmetterling. Auch die Handlung kam nur langsam voran, ein Lesesog blieb aus. Viele Andeutungen um die frühere Beziehung zu ihrem Bruder, deren Nachwirkungen die Gegenwart nachhaltig beeinflussten, verliefen sich im Sande. Es wurde wenig Konkretes eingebracht. Klar war nur, dass sich beide erst wieder aneinander annähern mussten, dass wohl jeder in der Vergangenheit andere Erwartungen an den jeweils anderen hatte, die keiner von beiden erfüllen konnte. Und das die Mutter, die beide gemeinsam hatten, alles andere als der Kitt in ihrer Beziehung war. Die ein oder andere Turbulenz brachte etwas mehr Würze in die gesamte Handlung, allerdings nicht genug, als dass sie mich hätte fesseln können.

Zu Gute halten muss man Sarah Hall allerdings, dass sie ein ausgesprochenes Talent dafür besitz, Landschaften und Stimmungen der Natur egal in welcher Wetterlage ausgesprochen bildhaft zu beschreiben. Es gelingt ihr, diese so perfekt zu schildern, dass ich genau wusste, wie sich ein bestimmter Morgen anfühlen würde, ich glaubte mich selbst in diesem einen Fleckchen Erde zu sehen und alles wahrnehmen zu können, was vorging.

Erst auf den ungefähr letzten 80 Seiten entwickelte sich eine Art Spannung, die jedoch den gesamten vorangegangenen Teil leider nicht aufwiegen kann. Die unrunde Erzählweise, die fehldenden Übergänge und die kühle Distanziertheit der Hauptprotagonistin übertrug sich leider zu stark auf mich. Ich fühlte mich nicht betroffen oder involviert. Die interessanten Aspekte der Arbeit mit und für Wölfe kamen zu kurz. Das Vergnügen beim Lesen blieb leider aus.

Ich danke Randomhouse und dem Knausverlag für dieses Rezensionsexemplar.

Bewertung: ⭐ ⭐

4 Comments

  1. Schon als Kind wollte ich im Tierpark immer zum Wolfsgehege. Diese Tiere haben mich einfach fasziniert. Und auch heute noch bin ich ein wahrer Wolfsfan.
    Schade, dass dieses Buch aber wohl nicht hält, was es verspricht. Ich habe auch immer ein Problem damit, wenn ich mit Protagonisten so gar nicht warm werde…

    1. Ich weiß, was du meinst. Wölfe fasziniern mich auch. Wenn wir dem Wildgatter mal wieder einen Besuch abstatten, dann hoffe ich immer, Wölfe sehen zu können. 🙂
      Tatsächlich hätte ich mir mehr Wolf im Buch erwartet. Wenn die Geschichte um Rachel mich mehr gefesselt hätte, dann wäre dieser Mangel vielleicht auch mit entsprechend interessanten Themen kompensiert worden. Da aber die Hauptprotagonistin so gar nicht meinem Geschmack entsprach, fand ich leider keinen richtigen Zugang.

  2. Schade, dass dieses tolle Thema anscheinend nicht so gut umgesetzt wurde. Die Diskussion über Wölfe gibt es ja auch zunehmend in Deutschland. hier das Für- und wieder abzuwägen und die verschiedenen Sichten darzulegen wäre schon wichtig gewesen.
    Viele Grüße
    Silvia #litnetzwerk

    1. Das Für und das Wider fanden in diesem Buch durchaus Erwähnung. Nur nahm ich die Wölfe mehr als Randerscheinung wahr. Wie du schon sagst, das Thema ist ein spannendes. Fand aber zu wenig gehör in diesem Buch.

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