„Vincent“ – Joey Goebel

Joey Goebel - VincentWie entsteht Kunst? Wie kann ein Künstler bei der Erschaffung von Kunstwerken unterstützt werden? New Renaissance, eine Akademie für angehende Künstler hat es sich auf die Fahnen geschreiben, den Quell der Inspiration des Künstlers nie versiegen zu lassen. Doch was bedeutet es für ein junges Talent namens Vincent, wenn New Renaissance das Leiden als die einzig wahre Inspiration identifiziert, die zu Höchstleistungen anspornt. Was bedeutet es, ein Pilotprojekt, eine Art Versuchskaninchen zu sein? Ist ein leidvolles und unglückliches Leben am Ende der Preis, den jeder Künstler zahlen muss?

Ein Zitat, von dem ich leider nicht mehr weiß, von wem es stammt, noch, wo ich es gelesen habe, beschreibt eines der Grundthemen dieses Buches in meinen Augen perfekt: „Es ist nicht das Talent, das Dichter erschafft, sondern die Verzweiflung und Einsamkeit.“ Damit Vincents Talent zu voller Blüte kommt, wird ihm ein Manager an die Seite gestellt. Harlan Eiffler lernt Vincent kennen, als dieser gerade einmal sieben Jahre alt ist. Schon in diesem jungen Alter schlummert so einiges in ihm, dass New Renaissance über die Jahre zu voller Entfaltung bringen möchte. Harlan entwickelt sich zu einer Art Konstante in Vincents nicht gerade einfachem Leben. Er ist ein Fixpunkt für Vincent, jemand auf dessen Ratschläge er Wert legt. Oft ist er jedoch schlecht beraten, wenn er auf Harlans Wort hört. Dieser ist schließlich der verlängerte Arm von New Renaissance. Eine Akademie, deren Ideengeber überzeugt davon sind, dass ein Künstler nur durch erfahrenes Leid und Unglück nachhaltige Kunst erschaffen kann. New Renaissance möchte die gleichförmige Unterhaltungsindustrie revolutionieren. Die Qualität der Unterhaltung soll wieder gesteigert, der Wiedererkennungswert und die Einzigartigkeit erreicht werden, die nötig sind, um die Ansprüche des Publikums zu heben.

Joey Goebel behandelt in diesem Buch eine wirklich interessante Thematik, die von unterschiedlichen Blickpunkten beleuchtet wird und zu der sich jeder Leser selbst eine Meinung bilden kann. So betrachtet er die Unterhaltungsindustrie und deren Qualität bzw. die Abwesenheit derselbigen z. B. aus dem Blickwinkel des anspruchsvolleren Konsumenten genauso wie die Erwartungen des Mainstreampublikums. Am interessantesten jedoch ist, (wir alle ahnen oder wissen es) vor Augen geführt zu bekommen, wie für die Macher oder Vermarkter der Unterhaltung am Ende nur der Gewinn zählt. Wie eigene Prinzipien verraten oder verlernt werden und Moral wohl eher ein Fremdwort ist.

Die Frage, was zuerst existiert hat, Huhn oder Ei stellt Goebel in Bezug auf den Medienkonsum.

Ich weiß nicht, ob die verdummte Unterhaltung nach und nach dem kollektiven Intellekt unserer Nation geschadet hat oder ob die geistige Faulheit des Publikums zuerst da war und wir sie nur bedient haben. (S. 93)

Harlan jedenfalls soll dafür sorgen, dass Vincent möglichst nur außerordentliche Qualität abliefert, koste es, was es wolle. Und Harlan ist augenscheinlich der Richtige für diesen Job. Moral und Gewissen scheint er nicht zu kennen oder kann beides erfolgreich ausblenden. Die Gemeinheiten steigern sich allmählich und der Satz, den er Vincent gegenüber bei ihrem Kennenlernen äußerte:

Du wirst niemals glücklich sein. (S. 23)

ist mehr als ein Versprechen. Es ist der Pfad, der Vincent vorherbestimmt scheint. Trotzdem hat Goebel die Beziehung zwischen Vincent und Harlan keinesfalls eindimensional angelegt. Ich war des Öfteren hin- und hergerissen über Harlans Motive, seine Person, ob ihm nun doch etwas an Vincent liegt oder er ihn tatsächlich nur als Job sieht. Die Entwicklung der beiden war spannend und schockierend.

Mit allerlei abartigen und zerstörerischen Praktiken wartet dies Buch auf. Andeutungen, die der Zukunft vorgreifen, sorgten dafür, dass ich mich vor dem Weiterlesen fürchtete. Immer wieder hatte ich dunkle Vorahnungen, von denen ich hoffte, dass sie sich nicht erfüllten. Gleichzeitig trieb Goebel mich durch seinen intensiven Stil zum Weiterlesen an. Trotzdem oder gerade deshalb musste ich gelegentlich unterbrechen, abgeschlossene Abschnitte und Kapitel musste ich auf mich wirken lassen. Ich wollte erst über das Gelesene nachdenken, denn in diesem Buch findet sich genug, worüber es nachzudenken gilt. Angefangen beim eigenen Konsumverhalten, der Medienlandschaft, der Geldgier, der modernen Sklaverei bis hin zu Manipulation, Entmenschlichung, enormer Skurpellosigkeit, der Abwesenheit von Moral, dem Unvermögen Empathie zu empfinden und und und…

Goebels Schreibstil ist nüchtern und distanziert. Dadurch wird nur selten die Grenze des Unerträglichen überschritten. Trotzdem mindert es nicht die eigene Betroffenheit. Er schafft hier einen wirklich gelungenen Spagat, um den Leser nicht zu verschrecken.

„Vincent“ ist ein außergewöhnliches Buch mit moralischer Fragestellung, intelligent in Szene gesetzt, mit einem hohen Unterhaltungs- und Mehrwert. Ich bin froh, diesen Roman im Zuge des Diogenes Buchclubs kennengelernt zu haben. Gerne mehr davon.

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

7 Comments

  1. Joey Goebels Bücher gehen mir schon echt nahe.
    Hat dieses hier eigentlich irgendwie einen Bezug zu van Gogh? Der Vorname des Künstlers hier ist doch sicher nicht zufällig gewählt, oder?
    Ich muss es wohl auch selbst lesen, du machst schon viel Lust auf dieses Buch.
    Viele Grüße
    Silvia

    1. Ich kann Vincent nur empfehlen, auch wenn das Weiterlesen manchmal schwer fiel. Die ein oder andere Pause, in der ich über das Gelesene nachdachte, war ja auch dabei. Aber so bleibt mir das Buch dann auch so richtig im Gedächtnis.
      Einen direkten Bezug zu van Gogh konnte ich nicht entdecken. Aber Künstler und ihr Schaffen sind ja ein großes Thema in diesem Buch. Ich hoffe, dir gefällt es ebenso wie mir. Joey Goebel hat mich damit jedenfalls neugierig auf weitere Werke gemacht.

  2. Das Buch steht schon länger auf meiner Wunschliste, danke dass du es mir nochmal in Erinnerung gebracht hast. Nach deiner Beschreibung scheint sich die Lektüre jedenfalls zu lohnen. Von Joey Goebel habe ich bisher noch nichts gelesen, allerdings steht bei mir noch „Heartland“ von ihm im Regal, das wollte ich eigentlich dieses Jahr noch lesen.
    Beste #litnetzwerk-Grüße 😉
    Thomas

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