„Der weite Raum der Zeit“ – Jeanette Winterson

Der weite Raum der Zeit - Jeanette WintersonLeo ist erfolgreicher Geschäftsmann, verheiratet mit der bezaubernden Sängerin MiMi und Vater eines Sohnes. Als MiMi wieder schwanger ist, könnte das Familienglück perfekt sein. Doch Leo ist sich sicher, dass seine Frau eine Affaire mit seinem besten Freund Xeno hatte und dieser der Vater ist. Durch nichts lässt er sich vom Gegenteil überzeugen. Er verstößt MiMi und das Kind, eine kleine Tochter namens Perdita und geht sogar soweit, das Baby außer Landes schaffen zu lassen. Innerhalb von kurzer Zeit fehlt von Perdita jede Spur. Doch Jahre später will es das Schicksal, dass sich eine junge Frau auf die Suche nach ihren Wurzeln begibt.

„Der Weite Raum der Zeit“ ist eine neuzeitliche Adaption von Shakespeares „Das Wintermärchen“. Im Knaus Verlag werden insgesamt acht moderne Nacherzählungen von Shakespeares Werken erscheinen. Jedes dieser acht Bücher stammt von einem anderen Autor. Zu Beginn dieses Buches erhält man einen kurzen Überblick über „Das Wintermärchen“. Anfänglich war ich mir noch unschlüssig, ob ich diese beiden Geschichten zumindest parallel lesen sollte. Ich entschied mich dagegen. Schließlich sollte Jeanette Wintersons Roman auch ohne tiefgreifende Vorkenntnisse funktionieren. Und es funktioniert tatsächlich.

Müsste ich dieses Buch nach seinen ersten ein bis zwei Seiten beurteilen, ich hätte es wohl nicht gemocht. Die Sätze erschienen mir irgendwie abgehackt, zu nüchtern, der noch unbekannte Ich-Erzähler unzufrieden und mir unsympathisch. Schnell wird jedoch klar, dass dieser Erzähler – Shep – eine Vergangenheit besitzt, die ihn tiefgreifend verändert hat. Er ist unglücklich.

Du glaubst, Du lebst in der Gegenwart, dabei steht die Vergangenheit hinter dir wie ein Schatten. (S. 20)

Shep stolpert durch die Nacht und ich mit ihm. Er findet ein Baby und ich mein Mitgefühl für ihn. Shep findet nicht „nur“ ein Baby, sondern einen neuen Lebensinhalt. Er entdeckt die Liebe zum Leben wieder. Ich begann, die Liebe zu diesem Buch zu entdecken. Darüber hinaus fand ich nach kurzer Zeit viele tolle Zitate, in denen viel Wahres steckt, die mich so berührten, dass ich sie mir notieren musste.

Dann wechselt die Perspektive plötzlich. Ich lernte Leo kennen. Durch und durch erfolgreicher Geschäftsmann. Er gibt sich nur mit dem Besten zufrieden. Das Leben definiert sich für ihn über Erfolge und Geld. Und weil er erfolgreich ist und Geld besitzt, kann er es sich leisten, sich so arrogant, rücksichtslos und unliebsam wie möglich zu verhalten. Das Leben scheint ein ständiger Wettkampf für ihn zu sein und er muss in allem der Beste sein. Was dies bedeutet, musste sein bester Freund Xeno bereits schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Xeno ist das komplette Gegenteil von Leo. Tiefgründig, empathisch, erduldend und auf dem Boden geblieben. Will Leo mit dem Kopf durch die Wand, tritt er zurück und macht Platz für dieses übergroße Ego. Die Verbindung zwischen MiMi und Xeno ist Leo ein Dorn im Auge. Die Liebe, die beide Leo entgegenbringen, scheint an ihm verschwendet. Ich verstand nicht, was sie in ihm sahen. Für mich war er nicht liebenswert. Die Besessenheit, die sich aus einer fixen Idee entwickelte, steigerte sich ins Wahnhafte und brachte nichts als Zerstörung. Ich mochte Leo nicht und hatte ernsthafte Schwierigkeiten mit seiner Figur. Natürlich treibt sein Agieren die Handlung voran. Doch oftmals fühlte ich mich unwohl beim Lesen der Abschnitte, in denen er vorkam.

Zum Glück machte dieses Gefühl der Unbehaglichkeit irgendwann einer regelrechten Leichtigkeit Platz. Die Beziehung von Perdita und ihrem Ziehvater Shep ist von Liebe erfüllt. Ein Zufall will es, dass sich Perdita auf die Such nach ihrer Herkunft begeben kann.

Es braucht nicht viel, um ein ganzes Leben zu verändern, und es braucht ein ganzes Leben, um zu verstehen, was sich verändert hat. (S. 261)

Mit wenigen Worten gelingt es Jeanette Winterson neue Gefühlswelten bei mir heraufzubeschwören, in denen ich mich wieder wohl fühlte. Stimmungen werden mit einem Fingerzeig verändert, Atmosphäre neu geschaffen und eine ganze Lebensart und ein Lebensgefühl vermittelt. Freude und Leid liegen in diesem Buch nah beieinander. Melancholie scheint greifbar zu sein. Jeanette Winterson verfügt über eine besondere Begabung, eine Vielzahl unterschiedlicher Gefühle hervorzurufen und dieses Buch damit anzureichern. Und immer wieder streut sie Sätze ein, die für die unterschiedlichen Situationen mehr als passend sind, die manchmal einfach nur schön und manchmal bittersüß sind.

„Der weite Raum der Zeit“ ist eine gut gelungene Neufassung von „Das Wintermärchen“. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir an irgendeiner Stelle Hintergrundinformationen zum Verständnis fehlten. Es war alles da, was ich brauchte. Wenngleich ich der Meinung bin, dass man dieses Buch nicht „in einem Rutsch“ lesen kann und sollte. Diesem Buch sollte man den nötigen Raum und die nötige Zeit geben, damit es sich entfalten und nachklingen kann.

Ich danke dem Knaus Verlag und dem Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar.

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

5 Comments

  1. Hey 🙂

    Die Geschichte hört sich ja gerade zu zauberhaft an 🙂 Ich habe „Das Wintermärchen“ ebenfalls nicht gelesen, aber die Neuerzählung gefällt mir von Anhieb sehr gut und ich werde den Roman auf alle Fälle auf meinen SuB setzen 🙂
    Liebe Grüße
    Maxi von Die Vorleser ♥

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