„Die langen Tage von Castellamare – Catherine Banner

Catherinne Banner -Die langen Tage von CastellamareIm Laufe eines mehr oder weniger bewegten Lebens verschlägt es den Arzt Amedeo auf eine kleine beschauliche Insel namens Castellamare. Schnell fühlt er sich auf dieser Insel zum ersten Mal in seinem Leben richtig zuhause. Genauso schnell schließt er die Bewohner in sein Herz. Allerdings erschüttert nach einiger Zeit ein Skandal das Inselleben. Es werden, so sagen die Insulaner, Zwillinge in einer Nacht geboren, allerdings von zwei verschiedenen Müttern und Amedeo gilt als Vater der beiden Kinder. Als Arzt kann Amedeo bald darauf nicht mehr praktizieren. Da er jedoch unter keinen Umständen seine neue Heimat verlassen will, eröffnet er mit seiner Frau Pina ein Café. Ein Ort, an dem sich Menschen versammeln und die allerlei zu erzählen haben – über das Leben und über die Legenden der Insel.

Die Inhaltsangabe von „Die langen Tage von Castellamare“ klang für mich spannend. Amedeo als Geschichtensammler würde im Lauf der Zeit sicherlich so manches Unerhörte und Wundersame erfahren. Denn Geschichten haben die Menschen immer zu erzählen. Gleichzeitig war ich hin- und hergerissen, ob ich diesen Amedeo denn nun sympathisch finden könnte oder nicht. Schließlich verriet die Inhaltsangabe bereits, dass er Frau und Geliebte hatte. Der Beginn des Buches zeigte Amedeo dann auch von einer kühlen und abweisenden Seite. Ich mochte ihn nicht – nur um bald darauf meine Meinung wieder zu revidieren. Denn jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und so auch Amedeo.

Das Buch ist in fünf unterschiedliche Zeitabschnitte unterteilt, von 1914 bis 2009. Viel Zeit, in der viel geschehen kann auf Castellamare. Jeder einzelne Zeitabschnitt beginnt mit einer Geschichte oder Sage, die bereits den ein oder anderen Hinweis auf die kommenden Geschehnisse liefert und gleichzeitig ein rundes Bild ergibt.
Amedeo, kommt als Fremder auf die Insel. Und doch gelingt es ihm, immer tiefer in das Leben dort einzutauchen und intensiv zu leben. Eigentlich scheint Castellamare fern der Welt, Nachrichten treffen verspätet ein und doch ist es genau der Ort, der Amedeo ein Leben lang gefehlt hat.

Die Insel war in seinen Augen wie ein abgetrenntes Land, nicht Teil des Italiens, in dem er seine einsame Jugend verbracht hatte. S. 49f

Catherine Banner gelang es mühelos, auch mich in das Inselleben eintauchen zu lassen, die Eigenarten der Menschen, ihre besondere Lebensweise und die heiße sizilianische Sonne wahrzunehmen und in gewisser Weise zu schätzen. Castellamare erschien mir wie ein Fleckchen Erde, an dem man Urlaub machen könnte, vom Alltag abschalten und zu entschleunigen. Auch wenn viele Insulaner wohl den Traum hegten, von der Insel wegzukommen und nie wieder einen Fuß auf diese zu setzen, so schien es mir erstrebenswert, über dieselbige zu wandeln. Der Autorin ist es mit Leichtigkeit gelungen, dass ich Castellamare durch Amedeos Augen sah.

Natürlich entwickelt sich auch das Leben an diesem kleinen Ort weiter, so wie sich die Welt weiterentwickelt. Trotz des verursachten Skandals gelang es Amedeo, an diesem gefundenen Glück festzuhalten. Er gründet eine Familie, die den Irrungen und Wirrungen des Lebens trotzt. Obwohl Amedeo und Pina „meine Zeit auf Castellamare“ lange begleiteten, rückten bald andere Protagonisten in den Fordergrund. Schnell wird klar, dass die eigentlichen Helden die weiblichen Familienmitglieder der Espositos sind und vieles für sie oder wegen ihnen geschieht. Zeiten der Freude, werden von Zeiten der Trauer oder von Zukunftsängsten abgelöst. Wahrscheinlich erschien mir das Buch daher so authentisch, weil es aus dem Leben gegriffen schien, weil es Schicksale beinhaltet, die so oder so ähnlich vielen geschehen sein könnten. Doch Castellamare wäre nicht Castellamare, wenn es nicht gleichzeitig ein Ort der Wunder wäre, die hin und wieder dem Leben eine Wendung versetzen.

All diese „Zutaten“ machen dieses Buch zu einem lesenswerten Kleinod. Nur zwei Dinge störten mich etwas beim Lesevergnügen. Mir fiel es mitunter schwer, den Protagonisten wenigstens ihr ungefähres Alter zuzuordnen. Durch die großen Zeitspannen verlor ich hier viel zu oft den Überblick, gerade weil das Alter nur sporadisch erwähnt wurde, nur um im nächsten Moment schon wieder hinfällig zu sein. Zweitens: wenn Personen die Insel verließen, dann kehrten sie nicht wieder zurück. Sie besuchten die Familie nicht und wurden von ihr nicht in der Ferne besucht. Egal ob zu Hochzeiten, Geburten oder Todesfällen. Eigentlich vermittelte mir das Buch, dass Wert auf die Familienbande gelegt wird. Hier galt jedoch eher das Motto: aus dem Augen aus dem Sinn. Angemessenen Kontakt über Briefe oder Telefon zu halten, erschien mir unpassend. Davon abgesehen eine tolle Familiensage mit italienischem Flair! Wer Lesegenuss über mehrere Generationen nicht abgeneigt gegenüber steht, wird hier gut unterhalten.

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

15 Comments

    1. Mit den Stapeln ist das so eine Sache. Da liegen auch ein paar Bücher von mir und aus dem ganz bald wird bei manchen immer mal wieder „lese ich als nächstes, dann aber wirklich“ 😉
      Ich hoffe, es gefällt dir und gerade jetzt, wenn der Herbst vor der Tür steht, ist Castellamare „eine Reise wert“.

  1. Ich schleiche auch schon seit einer Weile um das Buch herum, aber jetzt bin ich wirklich neugierig geworden. Sehr, sehr schöne Rezension, und ein sehr schöner Blog. Warum kannte ich den bisher noch nicht?

    LG, Katja

    1. Liebe Katja,
      vielen lieben Dank für deine Worte. Ich hoffe, das Buch kann dir ebenso viele schöne Lesestunden bereiten wie mir.
      Zu deiner letzten Frage. Nun ja, meinen Blog gibt es erst seit Februar. Und deinen Blog kannte ich bisher leider auch noch nicht. 😉

    1. Vielen Dank Franzi!
      Das Lesen dieses Buches lohnt sich. Ich bin über diese Entdeckung froh und noch etwas mehr in Italien verliebt als zuvor.

  2. Hallo,
    auf das Buch habe ich schon länger einen Blick geworfen und deine Rezension hat mich noch neugieriger gemacht. Jetzt habe ich große Lust, es sofort zu lesen. Auf deinen Blog bin ich erst heute gestoßen und er gefällt mir wirklich gut :).
    Liebe Grüße
    Anka

    1. Liebe Anka,
      vielen Dank für deine Worte. Das freut mich sehr. 🙂 Ich wünsche dir schon mal viel Vergnügen auf Castellamare.

  3. Eine wirklich schöne und aussagekräftige Rezension. „Familiensage mit italienischem Flair“, klingt nach einem Roman für mich. Das Buch ist gleich einmal auf meiner Wunschliste gelandet.
    Ganz liebe Grüße und ein großes Kompliment für Deine schön gestaltete Seite, komme sicherlich nochmal zum Stöbern vorbei, Heike

    1. Hach, ich freue mich gerade sehr, dass so viele diese Rezension mögen und das Buch lesen möchten. Vielen Dank für dein Kompliment. 🙂

  4. Hallo Nicole,
    dieses Buch hat mir auch sehr gut gefallen! Ich habe es auf dem Reader gelesen , eine Rezension von mir gibt es leider nicht. Das italienische Flair fand ich auch sehr bezaubernd! Mit dem Zuordnung zu den verschiedenen Generationen und dem Alter der Protagonisten hatte ich keine Probleme,,,
    Ganz liebe Grüsse
    Angela vom Literaturgarten

    1. Das Buch hat schon einen besonderen Charme. Ich bin sehr froh über diese kleine „Entdeckung“ und finde es immer schön, wenn andere meine Begeisterung teilen. 🙂

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