„Wir waren keine Helden“ – Candy Bukowski

Wir waren keine Helden - Candy BukowskiCandy wohnte in den 80ern am Arsch der Welt. Und in einem ist sie sich ganz sicher: sie wird den Arsch der Welt verlassen. Denn an diesem Ort findet nicht das Leben statt. Hier ist alles gleichförmig, eintönig, austauschbar und festgefahren. Das Leben, das sie führen will, wird bunt und schillernd. Oder etwa nicht?

Vorab: über die Handlung dieses Romans möchte ich eigentlich gar nicht so viel verraten. Es ist ein Buch über Glück und Leid, über die Liebe, über das Scheitern und die großen und kleinen Erfolge und über das Laut- und Leisesein. Es beginnt bei einem Mädchen zur besten Teenagerzeit. Doch den Löwenanteil nimmt das Erwachsensein in Anspruch, das ich mit immer wacherem und wachsendem Interesse verfolgt habe.

Diesen oder ähnliche Gedanken wird wohl jeder schon mal in seiner Jugend gedacht haben. Anders sein – zumindest anders als die Eltern. Irgendwie ausbrechen wollen. Sich nicht immer wieder der Dauerschleife, der ewig gleichen Wiederholung ergeben, dem Alltagstrott. Stattdessen das Leben unvergesslich, unvergleichlich machen.

Und das wir dieses Leben niemals zur flachatmenden Existenz der Alten verrotten lassen würden.

Dieses Gefühl und die Träume, die insgeheim jeder teilt, fängt Candy Bukowksi gekonnt ein, werden durch dieses Buch noch einmal oder wieder erlebbar. Die Überzeugung, unsterblich zu sein und ewig jung, da man sich nichts anderes vorstellen kann, weil man doch noch so viel Zeit hat. Und das Leben, das in den Adern pulsiert, auf wunderbare und intensive Weise nachfühlen zu können.

Zugegebenermaßen war ich sogleich fasziniert von diesem Buch. Von der kraftvollen, manchmal wilden, manchmal zynischen Sprache. Vieles las ich mehrfach. Entweder, da so viel Wahrheit in den Sätzen lag, dass ich es noch einmal lesen wollte. Anderes erschloss sich mir erst nach wiederholtem Lesen, da sich die Wahrheit oft in Schachtelsätzen versteckte und ich nichts davon verpassen wollte. Ich hoffe, dass mir das Herausfiltern des kleinsten Wahrheitsfunkens in all seiner Bedeutung gut gelungen ist. Ich habe nicht das Gefühl, etwas Wesentliches verpasst zu haben. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ich, wenn ich das Buch zum zweiten, dritten oder vierten Mal lesen würde, immer wieder Neues, Bewegendes und Berührendes entdecken würde.

Candys Hunger nach dem Leben war immer spürbar. Auch wenn sie schnell erkennen musste, wie leicht es ist, im Alltäglichen und Banalen festzustecken. Doch jede Erkenntnis kann einen Wendepunkt bringen, wenn man es nur will. Im Banalen das Besondere finden, das ist die Kunst. Es sind die Augenblicke und Emotionen mit besonderen Menschen, die es zu konservieren gilt.  Da uns eben leider doch keine Unsterblichkeit gegeben ist. Das alles viel zu schnell und unverhofft vorbei sein kann.

Die Begegnung mit unserem wahren Ich und dem Begreifen, dass die Idee der Unsterblichkeit eine junge, wilde Wunschvorstellung war, die macht nicht entspannter.

Candy Bukowski ist ein tolles Buch gelungen, das sich immer weiter steigerte. Dieser Debütroman steckt voller Metaphern, voller Bilder, voller Gefühle – Glück, Leid und dem Vielen dazwischen – oft direkt aus der Seele, aus dem Herzen gesprochen. Über weite Strecken immer wieder sehr poetisch ohne schmalzig zu sein. Manchmal hart, zu hart, mit Ecken und Kanten, an denen man sich aufreiben kann. Für mich persönlich insbesondere ab Kapitel neun immer so gut, dass das nächste Kapitel unbedingt gelesen werden muss. Danach ist aber dann wirklich Schluss für heute… oder danach… oder..

Die Helden, die Candy Bukowkski mit vielen Facetten schildert, die doch eigentlich keine waren, sind für mich eben doch Helden. Allesamt Typen, allesamt besonders. Fast jeden davon hätte ich selbst gern in meinem Leben. Um der Freundschaft Willen. Um der besonderen Momente Willen. Weil sie verstehen, zu leben.

Ich frage mich, wieviel Candy steckt in Candy? Kann man dieses Leben so perfekt zeichnen? Ich habe das Gefühl, von einer realen Person ein Stück Geschichte erfahren zu haben. Und bin dankbar für dieses intensive und inspirierende Leseerlebnis, dem ich immer noch nachhänge. Unbedingte Leseempfehlung!

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

5 Kommentare

  1. Wahrscheinlich spielen manchen Autorin genau mit der Frage, was fiktiv und was real ist. Genauso wie es Charles Bukowski getan hat. Sind die beiden verwandt?

    Ich fand die Rezi sehr leidenschaftlich und das hat mir sehr, sehr gut gefallen. Eine Rezi mit Herz 🙂

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