„Die Witwe“ – Fiona Barton

Mein Mann, der Fremde

Die Witwe - Fiona BartonDas kleine Mädchen Bella verschwindet spurlos aus dem Vorgarten. Diese Nachricht schockt ein ganzes Land. Die Suche gestaltet sich schwierig. Doch Detective Bob Sparkes will nicht aufgeben. Nach einiger Zeit scheint es einen Ermittlungserfolg und einen Verdächtigen, Glen Taylor, zu geben. Kann er tatsächlich der Entführer sein? Für Glen und seine Frau Jean beginnt vortan ein Spießrutenlauf. Jeder Schritt von ihnen wird beobachtet, stets ist ihnen die Presse auf den Versen. Und über allem schwebt die Frage: Wo ist Bella?

Gleich nach Beginn des ersten Kapitels fühlte ich mich an den Stil von Girl on the train erinnert. Die einzelnen Kapitel sind überwiegend aus der Perspektive von Jean Taylor, dem Polizisten Bob Sparkes oder der Journalistin Kate Waters verfasst. Auch wird in der Zeit hin und her gesprungen, was allerdings kein Problem darstellt. Die Idee, die zu schildernden Geschehnisse aus unterschiedlichen Sichtweisen heraus zu erzählen, finde ich recht interessant. Gerade in das erste Drittel des Buches habe ich gut hereingefunden und es fehlte für mich nicht an Spannung. Trotz der Tatsache, dass dem Leser schon recht früh vermittelt wird, dass der Hauptverdächtige Glen bereits tot ist. So taucht der Leser vornehmlich in die Gedankenwelt von Jean, Glens Frau ein, die Stück für Stück ihre Erlebnisse offenbart.

Über Jean dachte ich auch am meisten nach. Offensichtlich war sie Glen eine äußerst ergebene Ehefrau und sie orientierte sich stark an ihm. Die beiden bildeten eine Einheit. Ich fragte mich des Öfteren, ob sie die naive Ehefrau spielt oder tatsächlich so ist. Fragen wie: Warum akzeptiert sie alles so widerspruchslos? Welche Art von Beziehung führt sie tatsächlich mit Glen? geisterten immer wieder durch meinen Kopf. Da mein eigener Charakter ihrem so überhaupt nicht ähnlich ist, kam ich allerdings auch an den Punkt, an dem ich so manches nicht mehr nachvollziehen konnte.

Die Anschuldigungen, die gegen Glen erhoben wurden, griff erwartungsgemäß die Presse sehr bald auf. Deren Skrupellosigkeit bei der Jagd auf die nächste Story wurde sehr gut dargestellt. Das Leben, das das Ehepaar nach außen bisher geführt hatte, veränderte sich und zugleich blieb vieles für mich unverständlicherweise beim alten.

Meine kleine Welt blieb haargenau so, wie sie war – dieselben Wände, dieselben Tassen, dieselben Möbel. Nur draußen hatte sich alles verändert. (S. 168)

Was mir zunächst noch interessant erschien, Jeans Gedankenwelt und ihr Verhalten, langweilte mich dann jedoch sehr bald. Das Buch hatte daher auch einige Strecken, gerade um den Mittelteil herum. Manches war für mich belanglos, manches wiederholte sich, doch am Schlimmsten war: irgendwie verharrte das Buch auf der Stelle. Es passierte wenig Neues. Weder die geschilderte Pressearbeit konnte dies herausreißen, noch die Beharrlichkeit des sympathischen Detective Sparkes, den dieser Fall nicht losließ, der sich daran festgebissen hatte mit aller Entschlossenheit, um das Rätsel um Bella zu lösen.

Er hatte zugelassen, dass es ihn persönlich berührte, das war ihm klar. (S. 393)

Ein ähnliches Empfinden hatte ich bereits schon bei der Lektüre von Girl on the train. Auch da driftete die Handlung irgendwann in einen Modus der Langeweile ab. Daher bin ich mir nicht sicher, ob derartige Perspektivwechsel inklusive der bereits erwähnten Zeitsprünge immer zuträglich für den Spannungsaufbau sind. Zumindest überzeugte mich bisher noch keines der beiden Bücher.

Die Spannung fand mich oder ich fand sie im letzten Drittel des Buches wieder. Es gab eine Stelle, nach der ich zunächst nicht weiterlesen konnte, da sie mit großer Intensität geschildert wurde und mich sehr betroffen machte. Die Handlung nahm wieder an Fahrt auf und die letzten Seiten waren schnell weggelesen.

Für mich persönlich ist Die Witwe kein must read und bleibt hinter meinen Erwartungen zurück. Der Spannungsbogen wurde leider zu wenig gehalten. Die „Ausflüge“ in den Kopf von Jean Tayler scheinen, im Nachhinein betrachtet, eher bremsend zu wirken. Es gibt kaum einen Überraschungsmoment. Unterm Strich ist die Handlung recht vorhersehbar. Wer das Buch nicht liest, hat in meinen Augen auch nichts verpasst.

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐

3 Kommentare

  1. Ah, jetzt habe ich Deine Rezension gelesen und weiß, was Du meinest. Wie gesagt, ich fand es wirklich gut, aber ich habe auch keinen spannenden Thriller erwartet, denn ein Thriller ist es für meine Begriffe nicht. „Girl on the train“ liegt auf meinem SuB und wollte ich mir demnächst vornehmen. Auch da gehen die Meinungen ja sehr auseinander, aber wenn mir „Die Witwe“ gefallen hat, besteht die Chance, dass „Girl on the train“ mir vielleicht auch gefällt.
    Liebe Grüße
    Claudia

    1. Ich denke, „Girl on the train“ wird dir auch gut gefallen.
      Sowohl „Die Witwe“ als auch „Girl on the train“ fand ich nicht schlecht. Aber eben auch nicht herausragend. Zum Vergleich: „Remember Mia“ ist auch kein actionreicher Thriller, hat mir aber besser gefallen.
      Ich bin jedenfalls gespannt, was du zu „Girl on the train“ sagen wirst. 🙂

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