„Was ich euch nicht erzählte“ – Celeste Ng

Ich bin nicht wie Du…

Was ich euch nicht erzählte, Celest NgLydia, das mittlere Kind einer amerikanisch-chinesischen Familie erscheint eines Morgens nicht zum Frühstück. Sogleich rotieren die Gedanken der Familienmitglieder um ihren Verbleib. Doch sie bleibt spurlos verschwunden. Bis sie einige Tage später tot aufgefunden wird.

Lydia ist tot. (S. 9)

Mit diesen drei Worten beginnt dieses Buch und die sich dahinter verbergende Geschichte. Ich war sofort gefesselt. Das Ende von Lydias Leben wurde ganz nüchtern und unsentimental festgestellt. Gleichzeitig tauchte ich in den Start des Tages einer scheinbar durchschnittlichen Familie ein. Fasziniert hat mich insbesondere, dass mich gerade die ersten Seiten des Buches an den Erzähler des Films aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnerten. Lange habe ich darüber gegrübelt, warum dem so ist. Irgendwann glaubte ich, die Lösung gefunden zu haben. Celeste Ng beginnt von einer Person zu erzählen – was sie macht, was sie denkt – und dann springt sie plötzlich zu einer anderen Person und schildert deren Tun und Gedanken. Allein diese Kunst des Erzählens macht Ng für mich zu einer besonderen Autorin.

Lydias Tod wirft erwartungsgemäß das Familiengefüge aus der Bahn. War sie doch der Mittelpunkt, um den sich alles drehte. Jeder einzelne, sei es Mutter Marilyn, Vater James, Bruder Nathan oder Schwester Hannah, leidet im Stillen für sich allein. Die Eltern kommunizieren nicht mehr. Und wenn, dann schwingen mehr oder weniger subtile Vorhaltungen mit. Die Kinder werden sich selbst überlassen. Keiner vermag dem anderen Halt zu geben.

Nach und nach entfaltet sich die volle Wucht der Tragödie. In Rückblenden wird zunächst das Kennenlernen der Eltern erzählt. Eine Liebe zwischen Marilyn, einer Amerikanerin und James, dem Sohn chinesischer Einwanderer stand gesellschaftlich gesehen unter keinem guten Stern. Die Verbindung zwischen ihnen war von besonderer Natur, da sie Rückhalt und Verständnis im jeweils anderen suchten. Marilyn wollte Medizin studieren zu einer Zeit, da Frauen doch Erfüllung in ihrem Heim und der Familie fanden und nicht in Männerdomänen vordringen sollten. James wollte durch die Liason mit Marilyn einfach nur dazugehören.

Weil ihre Mutter sich sehnlichst gewünscht hatte, aus der Menge herauszuragen, und weil ihr Vater sich sehnlichst gewünscht hatte, ein Teil der Menge zu sein. (S. 33)

Doch Scheitern gehört im Leben dazu. Die Träume, die sie sich nie erfüllten, die Hürden, die unbezwingbar waren, wollten sie durch ihre Kinder verwirklicht sehen. Doch können die Träume der Eltern, die Träume ihrer Kinder werden?

Die Beleuchtung der Sichtweisen und Erlebnisse der einzelnen Familienmitglieder fügen sich im Verlauf des Buches wie kleine Mosaiksteine zu einem Gesamtbild. Wie oft dachte ich während des Lesens: So sprecht doch endlich alle miteinander! Ich wollte die Protagonisten schütteln. Wohlwissend, dass es nichts mehr nützte.

Celeste Ng erzählt einfühlsam über die Unabänderlichkeit des Vergangenen und die Zerbrechlichkeit von Träumen. Sie erzählt von der Hoffnung, die auch der größten Traurigkeit entspringen kann. Ein melancholischer, trauriger und zugleich großartiger Roman. Den Namen Celeste Ng werde ich nach dieser Lektüre nicht mehr vergessen.

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐

7 Comments

  1. Und hier ein weiteres Buch, das nach deinen Zeilen auf meinem Wunschzettel gelandet ist. Danke dafür, auch wenn mein Wunschzettel überlastet aufstöhnt.
    Liebe Grüße, Hibi

    1. Hihi, welcher Wunschzettel stöhnt nicht überlastet auf? 😉 „Was ich euch nicht erzählte“ ist wirklich sehr empfehlenswert. Es ist nichts für zwischendurch und man muss sich darauf einlassen. Aber der Schreibstil ist toll und es lässt sich flüssig lesen.

  2. Das Buch wartet schon in meinem Regal. Ich habe selbst zwei Kinder und versuche gerne (oft erst unbewusst) einige meiner Träume auf diese zu übertragen. Doch sie sind davon (zum Glück) völlig unbeeindruckt!
    Ich freue mich schon sehr auf dieses Buch!

    1. Dieses Buch ist trotz aller Tragik wunderschön!
      Die eigenen Träume auf die Kinder übertragen zu wollen, muss ja nicht schlecht sein. Solange man sich das Auge und Verständnis für ihre Individualität bewahrt. Das merke ich als Mama auch.

  3. Celeste Ng steht ja schon eine ganze Weile auf meinem Wunschzettel. Nachdem ich Deine Rezension darüber gelesen habe, ist es nun ganz nach oben gerutscht und ich hoffe natürlich nun auf den Weihnachtmann (so kurz vor Weihnachten habe ich immer Buchkaufverbot von meiner Familie ;-)).
    Leider findet man das sehr häufig, dass Eltern ihre unerfüllten Träume auf ihre Kinder projizieren, wenn auch oft unbewusst und wer weiß, ob man selbst ganz gefeit davor ist, sollte man erst einmal selbst Kinder haben.
    „Was ich euch nicht erzählte“ hört sich auf jeden Fall nach einem großartigen Stück Literatur an.
    Ganz liebe Stöbergrüße,
    Heike

  4. Auch wenn deine Rezension schon ein paar Tage alt ist, ich war sehr neugierig auf deine Eindrücke und freue mich das dir das Buch auch gefiel! Ich bin völlig in den Schreibstil eingetaucht – diese ruhige und doch spannende Art, die großen entstehenden Fragen. Der Autorin ist es wirklich sehr gut gelungen die Charaktere zu skizzieren und den Lesern nahe zu bringen!
    Und schöner hätte ich es nicht formulieren können: „Die Beleuchtung der Sichtweisen und Erlebnisse der einzelnen Familienmitglieder fügen sich im Verlauf des Buches wie kleine Mosaiksteine zu einem Gesamtbild.“

    Ich freue mich auf ein weiteres Buch der Autorin!

    Liebe Grüße
    Janna

    1. Liebe Janna,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Ich freue mich, dass dir das Buch auch gut gefallen hat. Auch ich bin gespannt auf weitere Bücher dieser Autorin. Sie hat mich direkt von der ersten Seiten an überzeugt. 🙂

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